Neue SV-Richtlinien: Wegducken statt Rückgrat
Die Sommerpause fängt gerade erst an und der erste Spielverderber für Ruhe steht schon vor der Tür. Vom 17.06. bis 19.06. steht die nächste Innenministerkonferenz in Hamburg an, die bereits in den letzten Wochen ihre Schatten vorauswarf. Die Innenminister*innen lassen weiterhin nicht locker und drehen wie wild an der Populismusschraube. Doch ein anderer Akteur sorgt für den ersten Eklat.
Seit März kursiert die geplante Neufassung der Stadionverbotsrichtlinien durch die Fanlandschaft. Mit umfassenden Änderungen wollen DFB und DFL die Politik besänftigen und damit vor der IMK ein Zeichen setzen. Am vergangenen Sonntag, 31.05., wurden diese Anpassungen nun vom DFB-Präsidium verabschiedet. Damit wurde auch das geplante Zeichen gesetzt. Weniger in Richtung Politik, mehr in Richtung uns. Es wurde zum wiederholten Male der überdimensionierte Mittelfinger ausgepackt. All das, um mit den angepassten SV-Richtlinien ein bearbeitetes Thema vorzuweisen und sich vor der Drohung der „umgelagerten Polizeikosten bei Hochrisikospielen“ durch die Innenminister*innen zu verstecken.
Verankert in diesen Anpassungen ist die Schaffung einer zentralen Stadionverbotskommission. Der DFB gibt ihr zwar einen geschönten Namen, die Kernaufgabe dieser Kommission besteht im Endeffekt aber darin, zu gewährleisten, dass die SV-Verfahren in den lokalen Kommissionen „reibungslos“ ablaufen. Nach welcher Definition kann man nach den Äußerungen der letzten Wochen und den lautwerdenden Forderungen nach noch mehr Stadionverboten selbst schlussfolgern. Wenn dann noch die Polizei – parallel als staatlicher Akteur in der Strafverfolgung involviert – Teil dieser zentralen Kommission sein soll, stellt sich uns die Frage, inwieweit eine neutrale Einzelfallentscheidung gewährleistet sein wird.
Diese und weitere Fragen stellten wir Vertretern unseres Vereins. Auf Wunsch des Vereins wurde von uns ein Fragenkatalog ausgearbeitet, auf dessen Grundlage sich Nullfünf Informationen bei den Verbänden einholen wollte. Bis heute warten wir auf diese Antworten. Stets wird von Seiten des Vereins in einer schier unerschöpflichen Naivität darauf hingewiesen, dass die Vertreter der Verbände ja auch im Sinne der Fans agieren werden.
Wenn man allerdings im Sinne der Fans arbeiten würde, würde man Fanvertretungen aktiv in den Prozess einbeziehen und die bereits bei den ersten Protesten rund um die IMK groß angekündigte Transparenz endlich auch inhaltlich umsetzen. Versteht uns nicht falsch. Keine dieser Änderungen würde mehr akzeptiert werden, wenn sie im Beisein der Fans durchgeboxt würden, allerdings hätte dann mal ein Dialog auf Augenhöhe stattgefunden. So führt eine Seite von Anfang an einen faktenbasierten Monolog, während die andere Seite nur durch populistische Meinungsmache auffällt.
Das dürfte nur die wenigsten überraschen. Trotzdem stellt man wieder einmal die Kosten für Vereine mit Millionenbilanzen über persönliche und private Schicksale. Sind es doch nicht die Freund*innen der Funktionäre, die Woche für Woche vor den Stadiontoren zurückgelassen werden müssen und die in der Zeit ihres Stadionverbots ihren ganz eigenen Kampf führen müssen. Keiner der Funktionäre sieht die Freundin oder den Freund, die den Brief nach Hause geschickt bekommen, der schwarz auf weiß verkündet, dass man gerade um den Mittelpunkt seines Lebens beraubt wird. Keiner der Funktionäre erlebt, wie dieser Freund*in in diesem Moment in Tränen ausbricht.
Klar hatten die Betroffenen vorher Zeit, sich darauf vorzubereiten und bei der SV-Kommission vorzusprechen. Das bringt nur alles nichts, wenn man dort nicht offen und ehrlich sprechen kann. Und genau dieses jetzt schon beschissene System der Paralleljustiz unter dem Deckmantel der Präventivstrafe verschärft man nun noch mehr und nimmt den Vereinen ihren letzten sozialen Handlungsspielraum. Je komplexer man die Grundlage für Einstellungen der SV-Verfahren ansetzt oder die Kriterien für mögliche Stadionverbote auf Bewährung definiert, desto weniger kann mit pädagogischen Maßnahmen gearbeitet werden.
Die Entwicklung der Verbände ordnet sich perfekt in die gesellschaftliche Entwicklung ein, in der Law-and-Order-Politiker mit hetzerischen Äußerungen Mehrheiten erzielen und die staatliche Institution „Polizei“ mit immer autoritäreren Befugnissen ausgestattet wird. Der Rechtsruck der Gesellschaft wird für uns alle immer spürbarer und dazu passen solche populistischen Maßnahmen der Innenminister*innen. Als Verfechter freier und bunter Kurven sind wir für sie ein Dorn im Auge. Unsere Solidarität und Gemeinschaft steht entgegen ihrem neoliberalen Individualismus. Unser ehrenamtliches Engagement in unseren Vereinen steht entgegen ihrer kapitalistischen Verwertungslogik.
Gegen all diese Windmühlen anzukämpfen schaffen wir als Fans nicht alleine, dazu benötigen wir die Unterstützung unserer Vereine. Wir verstehen, dass unsere Interessen oft einer wirtschaftsorientierten Sicht entgegenstehen. Gleichzeitig fragen wir uns seit Monaten, warum wir als Fans und Mitglieder von Mainz 05 in fanpolitischen Fragen im Stich gelassen werden. Es wird sich regelmäßig weggeduckt und das Vertrauen in die Funktionäre der Verbände gesetzt, statt den Personen den Rücken zu stärken, die davon am meisten betroffen sein werden.
Was bereits seit langem bei Mainz 05 fehlt, ist der Mut bei fanrelevanten Themen anzuecken und eventuell aus Sicht der Verbände oder Politik negativ aufzufallen, weil man sich an die Seite seiner Mitglieder und Fans stellt.
Am Ende bleibt für uns als Ultras nur die Gewissheit, dass wir weiter für unsere Ideale und Vorstellungen, wie wir uns als Q-Block den Fußball und die Gesellschaft wünschen, kämpfen müssen. Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr. Denn eines können wir jetzt schon voraussagen: Wenn die IMK in ein paar Jahren keine anderen Sinnlosideen hat, wird sie sich wieder den Fußball vornehmen. Dann wird wieder das Thema Polizeikosten auf den Tisch kommen und wieder werden sich die Verbände und Vereine wegducken.
Ultraszene Mainz
Subciety
